Über Trans- und Inter- und Homo- und Heteronormativität

Ich gestehe: ich freue mich ja schon, dass in den etwas „mainstreamigeren“ Medien, die ich so konsumiere (taz und so), die Theme „Transgender“ und „Intersexualität“ langsam aber allmälig ankommen (wobei Transgender deutlich mehr beachtung geschenkt wir, als Intersexualität). Das wäre vor zehn (und wahrscheinlich auch vor fünf) Jahren undenkbar gewesen.

Was mich nicht so sehr freut ist die Tatsache, dass diese Themen insbesondere im Bildungsbereich praktisch gar nicht erläutert werden. Das Ende des Sex hat einen schönen Kommentar mit Link zu einer Studie über Sexismus in Biologie-Schulbüchern bereitgestellt (mit dem Hinweis, dass es in Frankreich schon Schulbücher mit Unterrichtseinheiten zum Thema „Mann oder Frau werden“ gibt, auch wenn Konservative dagegen protestieren).

In meinem eigenen Biologieunterricht in der Mittelstufe war das Maximum, das uns erwartete, ein kurzer Vortrag über Homosexualität (so nach dem Motto „Ja, manchml verlieben sich Mädchen in Mädchen und Jungs in Jungs, aber das ist ja eher selten, gibt’s auch bei Tieren, ist also völlig normal. Zurück zum eigentlichen Thema: Schutz vor ungewollter Schwangerschaft“). Das war in der neunten Klasse (also als meine Mitschüler_Innen und ich eindeutig in einem Alter waren, in dem wir über Trans- und Intersexualität aufgeklärt werden sollten, einfach auch, weil wir körperlich so weit entwickelt waren, dass Trans- und Intersexuelle sich ohne die nötige Aufklärung und zugedröhnt mit Werbung und Bildern von „schönen“, heteronormativen Menschen einfach hassen mussten). Ich persönlich hatte angefangen, mit etwa im Alter von 14 Jahren mich mit dem Thema auseinander zu setzen, war aber zu schüchtern, um mich öffentlich im Bio-Unterricht darüber aufzuregen, dass nicht darüber gesprochen wurde.

Später dann, in der Oberstufe, sprachen wir in Bio über „zuviele“ und „zu wenige“ Chromosomen (zum Beispiel Menschen mit dem Chromosomenbild XXY), gingen aber sehr wenig auf die sexuelle Identität, wie sich diese Menschen dabei fühlen, ein, sondern sprachen fast nur über die Auswirkungen im Körper (trotzdem fand ich es nice, dass meine Lehrerin das Thema anschnitt. ich kann mir nicht vorstellen, dass das im Lehrplan stand, und es gibt locker auch genug andere Beispiele, an denen mensch chromosomale Veränderungen erklären kann (Down Syndrom zum Beispiel)). Im Englischunterricht sprachen wir über „Gender Roles“ – vielleicht ein Fortschritt, vielleicht ein Rückschritt. Einige Menschen in meinen Kursen hatten Ansichten, über die ich am liebsten geweint hätte. Auch hier: kein Wort zu Trans, geschweige denn zu Inter (übrigens auch nichts über Homosexualität, es ging meines Wissens nach meistens um die „Feminismus gegen Maskulinismus“-Debatte (als ob Feminismus die Herrschaft der Frau* über den Mann*“ bedeutete), im Sinne von „weiße cisgender Frau* will Karriere machen, ist aber schwanger, was tun?“ Im großen und ganzen waren diese Themen in der Schule eine Enttäuschung für mich, weswegen ich mich meistens hinter meinem Gameboy verschanzte und lieber Pokemon spielte.

Was ich auch bemerkenswert finde: In der Oberstufe wird über Geschlechterrollen gesprochen (naja, zumindest ein bissen). In der Mittelstufe nicht. Emanzipation (oder wenigstens die Diskussion darüber) nur für Menschen mit Abitur oder was?

Wenn wir in einer Gesellschaft leben möchten in der ALLE Menschen gleiche Rechte haben, müssen wir über die Unterschiede aufgeklärt werden und nicht nur über das, was „gleich“ sein soll. In Argentinien ist jetzt ein Gesetz beschlossen worden (OHNE Gegenstimme, wohl gemerkt!), welches es jedem Menschen ermöglicht, sein_ihr Geschlecht selbst zu bestimmen. Ohne Geschlechtsangleichung, sogar ohne jahrelange Therapie. Nur „wie es jede Person fühlt“. Inklusive gratis Urkundenänderungen sowie Kostenübernahmepflicht für Geschlechtsangleichungen bei Krankenkassen. Und dann wird immer gesagt, Europa und die USA seien in Sachen Menschenrechte Südamerika um Längen vorraus. Jaja. Gewiss.