Rosa Überraschungseier und ein Beschwerdebrief

Gestern Abend habe ich sie zum ersten Mal live und in Farbe gesehen und konnte meinen Ekel kaum verbergen. Direkt neben der Kasse stand eine riesige Pallette mit den neuen supertollen rosa Überraschungseiern NUR FÜR MÄDCHEN.

Da meine Stimmung diesbezüglich sowieso zum Reißen gespannt ist und ich mittlerweile keine Lust mehr habe, in Spielzeuggeschäfte zu gehen, weil mich von allen Seiten (in der MÄDCHEN*Abteilung) nur rosa Glitzerkram anblinkt, habe ich heute morgen kurzerhand beschlossen, Ferrero eine Beschwerdemail zu schicken und zu erläutern, was genau ich an ihrem Vorgehen, der Produktion eines „Nur für Mädchen“-Ü-Eis, beschissen finde

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe eine Frage bezüglich der neuen Überraschungseier, denen, die zart Rosa mit Blüten besprenkelt sind, die, bei denen explizit „Nur für Mädchen“ drauf steht.

 

Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich bereits einmal mit Farbhistorie auseinander gesetzt haben, aber rosa war vor den 1920er Jahren eine Farbe für Jungen (Rot stand für Leidenschaft, aktive Sexualität, Blut und Kampf, rosa wurde quasi als „Verniedlichung“ dieser Farbe für männliche Kinder verwendet (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_%28Farbe%29#Geschlechterzuordnung, 12. August 2012)).

Auch wenn nach den 1920er Jahren Rosa als „Mädchenfarbe“ genutzt wurde, so halte ich persönlich es nicht für angebracht, diese Überraschungseier „nur für Mädchen“ auszuschildern. Es gibt auch kleine Jungen*, die rosa mögen und mit Puppen spielen und Mädchen*, die rosa abscheulich finden. Durch Ihre Aussage unterstützen Sie gängige Stereotypen und verhindern vielleicht sogar unter Umständen die gesunde Entwicklung von Jungen*, die vielleicht gerne ein rosa Überraschungsei anstatt eines roten hätten, sich aber nicht trauen, ihre Eltern danach zu fragen, weil sie Angst haben, dass sie es nicht bekommen dürfen (ist ja nur für Mädchen*) oder vielleicht sogar Kommentare aus der Richtung „Bist du ein Mädchen oder was?“ sich anhören dürfen (was, wie fast jede_r, der_die mal Kind war weiß, eine tötliche Beleidigung ist (ebenso andersherum)).

Des weiteren gehe ich davon aus, dass viele Eltern nun, da es eine „weibliche“ Alternative zum geschlechtsneutralen Überraschungsei gibt, ihren Töchtern* eher diese Variante kaufen würden, was wiederum den Rosa-Boom unterstützt, der ohnehin durch die gängige Spielzeugindustrie in den Kinderzimmern vorherrscht. Kinder begreifen erst im Kindergartenalter, dass Rosa eine „Mädchen-“ und Blau eine „Jungenfarbe“ ist, allerdings passiert dies nur, weil sie ständig damit konfrontiert werden. Ihr Produkt unterstützt diese Einteilung in „Junge“ und „Mädchen“, der Markt schreibt Eltern vor, was sie ihren Kindern kaufen sollen, was „gut“ für sie ist. Anstatt die Kinder entscheiden zu lassen, was sie gerne haben würden, gibt der Markt eine klare Linie vor.

Ich weiß nicht, welches Spielzeug sich in den rosa Überraschungseiern befindet, aber ich tippe stark auf Feen oder sonstige weibliche Figuren mit unrealistischen Proportionen (vielleicht auch „niedliche“ Tierchen), viel Rosa, Pink und Glitzer. Diese Stigmatisierung (Frauen = Rosa = übertrieben sexualisiert) setzt sich in den Köpfen der Mädchen* fest und wenn sie ihr ganzes Leben damit konfrontiert werden, dass sie nur rosa und „hübsch“ zu sein haben, wird spätestens die Pubertät zu einem Spießrutenlauf. Anstatt den Kindern zu zeigen, dass jeder Körper anders ist und jeder Mensch sich anders entwickelt (ganz zu schweigen davon, dass Mädchen* noch andere Fähigkeiten haben, als hübsch auszusehen), gibt der Spielzeugmarkt nur ein bestimmtes Bild vor, wie Frauen* auszusehen und sich zu verhalten haben, ich zitiere: „Pink steht heute für die niedliche Prinzessin, die sich nicht alleine in der Welt zu Recht findet und daher auf einen Traumprinzen wartet. Rosa bedeutet weich und unselbstständig.“ (Quelle: http://www.femininleben.ch/21-familienwahnsinn/105_2-gender-marketing-im-kinderzimmer-jungsblau-und-maedchenrosa/gender-marketing-im-kinderzimmer-jungsblau-und-maedchenrosa , 12. August 2012)

Meine Frage dazu ist nun: Was hat Sie dazu veranlasst, eine „Mädchenversion“ der zuvor geschlechtsneutralen Überraschungseier herauszubringen? Ich bin selbst mit letzteren aufgewachsen und kann mich trotzdem hervorragend als Frau identifizieren.

Mein Appell lautet nun: nehmen Sie diese Version vom Markt, oder lassen Sie wenigstens bitte diese „nur für Mädchen“-Aufschrift weg. Zeigen Sie, dass Sie nicht wie Lego, die früher damit warben, geschlechtsneutral zu sein (http://www.princessfreezone.com/storage/Lego-ad.jpg?__SQUARESPACE_CACHEVERSION=1324051173190), jetzt Kinderzimmer in einer rosa Welt versinken lassen (http://blog.sfgate.com/sfmoms/wp-content/blogs.dir/2300/files/lego-friends-lego-goes-after-girls-with-pink-bricks-and-cute-figures/3934-lego-friends.jpg). Denn letztlich entscheiden unsere Kinder, was sie mögen und was nicht, oder?

 

Ich bitte Sie um eine baldige Beantwortung meiner Frage (am besten per E-Mail) und hoffe, dass Sie nun vielleicht meinen Standpunkt verstehen, wenn nicht sogar teilen.

Mit freundlichen Grüßen,

J***** W*****

 

*Zur Erklärung der Zeichen: Da ich nicht davon ausgehe, dass Sie sich bereits mit der Queer-Theorie (https://de.wikipedia.org/wiki/Queer-Theorie) auseinandergesetzt haben, hier eine kurze Erläuterung. In der aktellen feministischen Bloggosphäre werden Unterstriche ( _ ) genutzt, um diejenigen mit einzuschließen, die sich keinem Geschlecht (Gender) zuordnen wollen (deswegen wird der Strich auch „Gendergap“ genannt). Das Sternchen * steht für Menschen, die nach diesem Geschlecht sozialisiert wurden.

 

Vielleicht hat ja jemand von euch Lust, es mir gleich zu tun, und Ferrero direkt damit zu konfrontieren, warum es bescheuert ist, den Markt über das Geschlecht (Gender) eines Kindes bestimmen zu lassen und was es zu mögen und nicht zu mögen hat. Zumindest war das meine Intention.

Sobald ich von Ferrero eine Antwort bekomme, wird diese hier auch erscheinen.

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