Warum ich die Besetzung der Spedition Unruh NICHT unterstütze

Vor etwa einer Woche hat ein Kollektiv in Bremen versucht, die leerstehende Spedition Unruh in der Neustadt zu besetzen. Ich persönlich bin ja an Besetzungs- und Freiraumprojekten interessiert und bringe mich gerne ein, halte auch Augen und Ohren offen und war von daher ziemlich überrascht, als ich an diesem Abend nach Hause kam, die Neuenlander Straße herunter fuhr und mich wunderte, warum da was abgesperrt ist, in meiner Wohnung unverständliche Lautsprecherdurchsagen hörte und schließlich auf Twitter erfuhr: Aha! Da ist also was besetzt worden!

Der Pressetext, den das Kollektiv herausgab, spricht eine deutliche Sprache, ohne zu erklären, was eigentlich das Ziel der Aktion ist. Gerichtet wird sich gegen Gentrifizierung, Armut, Ausbeutung, Rassismus, Polizeigewalt u.ä., aber warum genau das Gebäude besetzt wurde, geht nicht aus dem Text hervor, aber da er mit „Für eine Welt, in der Freiräume unnötig sind!“ endet, ging ich davon aus, dass hier ein Autonomes Zentrum entstehen sollte, was ich persönlich gutheißen würde. (EDIT: Der Twitter-Account der Gruppierung @UnruhSquat schreibt um 18h: „18 Uhr es soll die ehemalige Spedition Unruh besetzt werden. Bremen soll ein Autonomes Zentrum bekommen !!!“) Es gibt in Bremen meines Wissens nach, kaum Freiräume. Die einzigen, die mir einfallen, sind das G18, der Grüne Zweig, das Sportamt, früher noch das Zucker (seit Frühjahr geschlossen), ggf. noch das Sielwallhaus und mit beide Augen zudrücken die GSV und die Friese. Ob es wirklich komplett unabhängige Wohn- oder Kulturprojekte gibt, weiß ich nicht. Also dachte ich: Hey, das ist ja mal supportenswert, auch, wenn ich mich gewundert habe, dass offensichtlich außerhalb des Kollektives KEINE Mobi gemacht wurde, alle anderen Leute, die sich mit diesen Themen beschäftigen (und mit denen ich in Kontakt stehe), haben auch erst gegen halb 10 (also etwa zur selben Zeit wie ich) davon erfahren. Die Besetzung lief seit 18h. Gegen etwa 18.10 ließ der Twitter-Account verlaufen, dass die ersten Polizeieinheiten bereits da wären, als erfuhr ein Großteil der Leute erst von der Aktion, als die Neustadt bereits halb abgeriegelt und die Räumung (inkl. Wasserwerfer, Hunden, Räumungspanzer u.ä.) bereits in vollem Gange war. Gegen 12 war die Räumung beendet, etwa 50 Menschen wurden in Polizeigewahrsam genommen und dann nach und nach wieder frei gelassen. Gegen 3.15 sind fast alle bis auf 4 wieder draußen.

Am nächsten Tag schaue ich natürlich nach, was die Presse schreibt und auch wenn ich mir schon dachte, dass die Presse vermutlich wieder einmal maßlos übertreiben würde, war ich nicht darauf vorbereitet, derartige Artikel vorgesetzt zu bekommen:

Gewalttätige Aktion von Linksautonomen (Polizeipresse)

100 Linksautonome ziehen randalierend durch Bremen (dpa)

CDU fordert konsequenteres Vorgehen nach Ausschreitungen (Weserkurier)

Ein paar Videos gibt es hier und hier.

In der Presse herrscht allgemein Konsens, dass die „Autonomen“ mit dem Angriff begonnen hätten und die „Autonomen“ sind offensichtlich nicht in der Lage, dieses Gerücht zu dementieren, im Gegenteil. End of Road schreibt: „Nach­dem Be­set­zer_in­nen die Bul­len auf­for­der­ten zu ver­schwin­den, diese der For­de­rung aber nicht nach­ka­men, kam es zu einem An­griff auf den Strei­fen­wa­gen.“ Mit Steinen. NATÜRLICH übertreibt die polizeiliche Berichterstattung, indem sie erklärt, der Wagen sei „stark beschädigt“ worden (Foto), aber ein sofortiger Angriff auf einen Polizeiwagen – ganz ehrlich: Hat die Gruppe da etwas anderes erwartet? Haben die Leute gedacht, werfen wir mal mit Steinen, dann geht das bestimmt besser? Dann hauen die Bullen schon ab? Das ist doch Bullshit! Wer die Polizei vollen Bewusstseins provoziert, darf sich nicht darüber wundern, wenn sie dann hart zurückschlägt, und das tat sie, ohne Frage. Aber trotzdem finde ich Methode und Vorgehen der Besetzenden eben so fragwürdig. Wenn in der nachfolgenden Presseerklärung, in der zugleich zu einer Unangemeldeten Solidemo am Samstag aufgerufen wird, Dinge geschrieben werden, wie „Bei der Be­set­zung der Unruh Spe­di­ti­on und dem um­lie­gen­den Areal am Frei­tag den 12.​10.​12 ging es von An­fang an nicht in ers­ter Linie um das Schaf­fen eines kon­kre­ten, nutz­ba­ren Rau­mes für wi­der­stän­di­ge Struk­tu­ren.“, OBWOHL die Besetzung mit einem AZ beworben wurde, macht das das Kollektiv in ihrem Vorgehen unglaubwürdig. Sätze wie „Un­se­re Ent­schei­dung, Mi­li­tanz als Mit­tel gegen eine be­vor­ste­hen­de Räu­mung ein­zu­set­zen, hatte einen nicht un­er­heb­li­chen An­teil an die­sem Er­folg [das Gelände 5 Stunden zu besetzen, Anm. d. Schreibenden]“. „Die mi­li­tan­te Aus­ein­an­der­set­zung ist somit als Aus­druck un­se­rer Un­ver­söhn­lich­keit mit den po­li­ti­schen Ver­hält­nis­sen zu ver­ste­hen.“ und „Die Stei­ne, die auf Bahn­glei­se ge­flo­gen sind, rich­te­ten sich gegen dort po­si­tio­nier­te Bul­len.“ bedeuten für mich übersetzt:

„WIR WOLLEN KEINEN HÄUSERKAMPF UM EINES HAUSES, SONDERN UM DES KAMPFES WILLEN UND ES IST UNS SCHEIẞEGAL, DASS DADURCH WIEDER EINMAL ALLE LINKEN UND/ODER FREIRAUMINTERESSIERTEN GRUPPEN IN EINEN TOPF GESCHMISSEN WERDEN.“

Das ist nämlich das Problem, das auf alle anderen jetzt zu kommt. Terror und Extremismus, die CDU wettert gegen die „Linksautonomen“ (DIE Linksautonomen. Das ist son bisschen, wie „DIE Feministinnen“) und verlangt höhere Strafen.

Aber vor allen Dingen wird es jetzt wieder schwieriger für andere Gruppen, sich diese Freiräume zu erkämpfen. Das Zuckernetzwerk versucht einen Ort zu finden, um weiter zu machen. Das Sportamt, das bisher nur in den Sommermonaten eine Genehmigung von der Zwischenzeitzentrale hatte, überlegt, wie sie den Raum ganzjährig bekommen können. Und ein paar randalierenden Idiot_Innen fällt nichts besseres ein, als mal eben so, ohne Vorbereitung, ohne Mobi, ohne EA-Nummer und ganz offensichtlich auch ohne Konzept und spontan einen ohne Frage leerstehenden und nutzbaren Raum zu besetzen, um der Polizei zu demonstrieren, wie ernst (oder eben auch nicht) es ihnen mit diesem Gebäude ist? Ganz ehrlich, Leute, korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber ihr hattet kein Konzept, oder? Ihr hattet nur Bock auf n bisschen Action und wieder einmal wurden die Konsequenzen nicht mit bedacht. Dass es zB für das Zuckernetzwerk und das Sportamt, ganz zu schweigen von zukünftigen Besetzungsprojekten, die das ganze friedlicher angehen würden, schwieriger werden könnte, habt ihr bestimmt weder beabsichtigt noch mit bedacht. Aber passiert ist passiert. Wenn ihr einen Häuserkampf wollt, um zu kämpfen und nicht um einen Freiraum zu schaffen, ganz ehrlich, dann könnt ihr mich dabei vergessen. Ich will die Welt ändern, nicht einen sinnlosen Kampf gegen das bestehende System vorantreiben, den wir ohnehin, wenn wir auf Waffen zurückgreifen, verlieren werden.

Eine Besetzung, die eher funktionieren würde, wäre bunt und schön, sie würde nicht nur die eigene Szene ansprechen (Mobi, die in diesem Fall ohnehin außer Acht gelassen wurde), sondern auch Außenstehende, eine schillernde Demo durch die Innenstadt und den Stadtteil, in dem sich das Gebäude befindet, zum Beispiel. Eine Vokü auf dem Marktplatz. Was weiß ich. Etwas, das den Leuten, die sich nicht in unserem Umfeld bewegen, die Geschichte schmackhaft macht, die vielleicht daraufhin mitarbeiten wollen. Zeigt doch einfach, dass es das schöne Leben geben kann, anstatt es mit Steinen gegen die Bullen zu verteidigen.

 

Update 22. Oktober 2012: Das Kollektiv hat noch einmal eine Richtigstellung in Folge der Presseberichte veröffentlicht.

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