Solidarität fängt beim Nachbarn an

Bremen ist eine Stadt mit einer sehr weltoffenen Geschichte. Allein schon durch die Seefahrt war Bremen immer sehr multikulturell und die Stadt an sich präsentiert sich auch gerne so. Jetzt ist eine Diskussion über ein geplantes Asylantragssteller_Innenwohnheim in der Eduard-Grunow-Straße entfacht worden und stellt sowohl die Politik als auch das Ach-so-linke Image der Umgebung in Frage.

Die taz schreibt, dass gerade die CDU auf einmal für dezentrale Einzelwohnungen plädiert, während die Linke, SPD und Grüne sich auf einmal für diese Sammelunterkunft einsetzen und die Stimmung der Anwohner_Innen ist offenbar eher dagegen. Es wurden anonyme Flugblätter verteilt („Kein Ghetto im Viertel“), mit dem Inhalt, dass „Wirtschaftsflüchtlinge“ kein Asylrecht in Deutschland bekommen sollten und auch dem Ortsamtsleiter Robert Bücking (Grüne) passen offenbar auch keine Flüchtlinge in sein ansonsten eher multikulturelles, grünes bis linkes ehemaliges Hausbesetzer_Innenviertel, das über die Jahre hinweg immer schicker und teurer geworden ist, er plädiert eher für „Lager am Rand der Stadt“.

Dass es sich bei dem Gebäude nicht um eine bereits bezogene Immobilie im Herzen des Viertels, sondern um ein leerstehendes Gebäude am Rand (immer noch inmitten der Stadt aber etwas weiter entfernt von den „schickeren“ Wohnungen) handelt, ist in diesem Fall offenbar irrelevant, genauso wie die Tatsache, dass es sich nicht um „Wirtschaftsflüchtlinge“, sondern wohl hauptsächlich um Roma handelt, die in ihrem Geburtsland bereits diskriminiert und verfolgt werden.

Die Anwohner_Innen argumentieren mit „Angst vor fremdenfeindlichen Übergriffen“ (was für ein Hohn!), oder dass es sich nicht um die „richtige Gegend“ für „solche Leute“ handle, dass die große Straße zu gefährlich für Kinder sei, die Anwohner_Innen fürchten Ruhestörung und „soziale Problemfälle“, Drogenverkauf am Sielwall etc.

All das ist für mich ein Armutszeugnis dieser Gegend. Gerade das Viertel wird immer als so links und so sozial und so wasweißich bezeichnet, dass ich bei solchen Äußerungen das Kotzen kriegen könnte. Warum sollte die leerstehende Immobilie (die eigentlich zu einem Hotel umgebaut werden sollte) denn bitte „nicht das Richtige“ sein? Warum sollten diese Leute wieder an den Stadtrand gedrängt werden? Wem nützt das bitte? Oh, natürlich, dann haben wir weniger Armut in der Innenstadt, aber, liebe Leute, so etwas nennt sich INTEGRATION! Es nützt doch nichts, wenn alle armen Menschen an den Stadtrand gedrängt werden, damit die Reichen im Stadtkern ihre Ruhe haben!

Stellt euch vor, ihr werden verfolgt, ihr müsst Angst um euer Leben haben, irgendwann schafft ihr es, traumatisiert von den Erfahrungen aus eurem Geburtsland und von der Flucht, in ein wirtschaftlich Wohlhabendes Land, werdet ersteinmal mit diesen ganzen beschissenen Regelungen wie Residenzpflicht, Lebensmittelgutscheine usw. konfrontiert und DANN wird euch gesagt „Sorry, aber die Leute wollten euch nicht in der Stadt haben. Ihr passt besser an den Stadtrand, das ist eher was für euch.“ WHAT THE FUCK?!

Flüchtlinge sind auch nur Menschen! Es besteht keine größere Gefahr als wenn irgendwelche anderen Leute dort einziehen würden. Die Leute, die einen Asylantrag stellen, wünschen sich eine Zukunft in Deutschland, in Bremen. Wie zum Henker sollen sie sich gut integrieren können, wenn sie eh nur alle zusammengepfercht irgendwo am Stadtrand vor sich hin vegetieren? Wie können diese Menschen die deutsche Sprache lernen, wenn sie irgendwo sind, wo die Leute sich nicht mit ihnen unterhalten wollen? Wie können sie zeigen, dass sie hier gerne leben und arbeiten möchten, wenn ihnen nicht einmal die Chance dazu gegeben wird?

Natürlich bin ich gegen Sammelwohnheime. Ich bin für Wohnungen, nicht am Stadtrand sondern überall in der Stadt. Ich bin für sofortige Anerkennung und Arbeitserlaubnis sowie das Recht auf Arbeitslosengeld. Aber das alles ist nicht gegeben. Wenn allerdings die Chance besteht, ein Gebäude in der Stadt und nicht am Rand, mit Räumen für eine bis zwei Personen und nicht für acht, mit ausreichenden Duschen und Toiletten und ohne Baumängel als Wohnheim zu nutzen, ist das eine unglaubliche Verbesserung zu dem aktuellen Stand der bisherigen Wohnheime. Warum sollten diese Leute denn bitte kein menschenwürdiges Leben verdienen? Warum sollen sie auch hier ausgegrenzt und diskriminiert werden?

Ganz ehrlich. Das, was hier gefragt ist, ist SOLIDARITÄT. Aber auch ein linkes Viertel in einer weltoffenen Stadt hält sich offenbar an die Regel: Solidarität fängt bei Nachbarn an. Und da hört sie auch auf.

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3 Gedanken zu „Solidarität fängt beim Nachbarn an

  1. Super post, gefällt mir unglaublich gut. Nur das mit dem wiederholten diese Leute ist nicht toll. Da du es zur Ironisierung der Gegner benutzt fände ich ein distanzierendes „diese Leute “ angebrachter, weil es den Text stärker machen würde.

    • Ein erster Schritt, ist auf die Probleme aufmerksam zu machen, ein zweiter, offen zu zeigen, dass ich dafür bin, ein dritter die Leute, wenn sie dort eingezogen sind, zu supporten. Mehr kann ich in meiner Position wahrscheinlich nicht machen, aber es ist wohl mehr, als die meisten tun.

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