taz-Brief (ungekürzt)

Dieser Artikel erschien in stark gekürzter Fassung als Leser*Innenbrief in der taz von 29. Januar 2013.

 

 

Die Debatte ist überfällig, schon lange. Eine Debatte darüber, wo die Grenze zwischen Flirt und Übergriff liegt.

Dass Sexismus noch immer ein Problem in unserer Gesellschaft ist, ist nichts neues. Das sollten wir in Zeiten, in denen bei über 90% männlicher Besetzung in Chefetagen noch über Geschlechterquoten mit dem fadenscheinigen Argument nach der Frage, ob es denn genügend qualifizierte Frauen gäbe, diskutiert wird endlich einsehen. Die Tatsache, dass jemand wie Jörg Kachelmann in Talkshows zu Spitzensendezeiten von einer angeblichen „Opfer-Industrie“ reden darf oder dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, zeigt auf, dass der Sexismus in unserer Welt verwurzelt ist und sogar so tief reicht, dass viele ihr Verhalten gar nicht als sexistisch bezeichnen würden. Dieses Verhalten wird seit gestern Nacht zum ersten Mal unter dem Hashtag #Aufschrei bei Twitter in einem größeren Rahmen als vereinzelte Beschwerden zur Sprache gebracht. Es geht um das, was viel zu oft als „Kleinigkeiten“, „Einzelfälle“ oder „Spaß“ abgetan wird – um die systematische und viel zu oft nicht bewusste Diskriminierung von Frauen, um Alltagssexismus. Rainer Brüderle ist nicht der einzige, der sich falsch verhalten hat, er war nur der Auslöser einer viel zu lange aufgeschobenen Welle der Empörung. Es reicht der komische Typ an der Haltestelle, der Kussgeräusche macht, wenn eine Frau vorbei geht. Oder der Leiter des Selbstverteidigungskurs, der erklärt, Frauen wären am sichersten, wenn sie nachts nicht alleine vor die Haustür gingen. Oder jemand, der einen Mann als „Mädchen“ bezeichnet, wenn er sich nicht stereotyp-männlich verhält. Ich könnte ewig so weitermachen. Es geht hier nicht darum, eine Gruppe von Menschen in einen Topf zu werfen, es geht darum, dass dieses Verhalten verletzt und gefährlich ist, dass jede Äußerung dagegen gleich als Angriff auf das gesamte Geschlecht aufgenommen wird um dann wieder die „du bist doch nur humorlos“-Keule herauszuholen, um diejenigen zum Schweigen zu bringen, die wütend sind. Sexuelle Belästigung ist in Deutschland keine Straftat, nur am Arbeitsplatz kann eine Beschwerde eingereicht werden, was aber oft aus Angst vor einer Kündigung nicht getan wird. Auch darüber muss diskutiert werden, weil sexuelle Belästigung den Alltag für viele Frauen zum Spießrutenlauf werden lässt. Es geht nicht darum, dass alle Männer sexistische Arschlöcher sind, es geht hier darum, dass das eigene Verhalten reflektiert werden muss, um diesen Eindruck zu ändern.

Marina Weisband von der Piratenpartei erklärt auf Twitter das mit der Selbstreflexion so:

„Stellt euch einfache Frage: „Würde ich einen Mann in derselben, nicht sexuellen, Situation anders behandeln?“ Wenn ja, ists Alltagssexismus.“

So kompliziert ist das doch gar nicht!

TW: Realitätskacke

 

 

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Manchmal komme ich nicht umhin, meine Filterbubble mit dem kleinen gallischen Dorf zu vergleichen, das dem Römischen Reich trotzt. Der Fernseher fragt uns schon seit Tagen, ob es Sexismus überhaupt gibt, obwohl tausende Aussagen darüber im Netz zirkulieren. Auch die Frage, ob es denn „wirklich so schlimm“ ist, wie die Frauen (TM) behaupten, lässt die Medien nicht mehr los und fragt – richtig: Männer*. Die müssen sich ja damit auskennen, nicht wahr? Wenn die sich wirklich so sexistisch verhalten, wird es ihnen schon aufgefallen sein.

Und genau da liegt das Problem, es ist das gleiche Problem, wie bei der Wortänderungen-Im-Kinderbuch-Diskussion! Es werden nicht diejenigen gefragt, die von dieser Art der Unterdrückung betroffen sind, sondern die, die davon profitieren, dass es diese Unterdrückungsmechanismen gibt! Wenn ich auf Alltagssexismus hinweise, höre ich oft nur „Ach, so sind die Männer (TM) halt“ (von Frauen*) und „Du verstehst doch keinen Spaß“ (von Männern*), aber ganz im ernst? Ihr wollt ein ganzes Geschlecht entweder als dumm, triebgesteuert und nicht dazu in der Lage, eine Situation einzuschätzen, darstellen, weil euch gesagt wurde „das ist halt so“? Oder andersherum: Frauen* sind einfach nur humorlos und verstehen das alles falsch? Wie zum Henker ist es denn dann gemeint? Oder auf Rassismus bezogen: PoC sollen sich mal nicht so über das N-Wort aufregen, das ist doch alles nicht ernst gemeint, wir können ja schon mit unseren 4-jährigen über Kolonialismus diskutieren, WTF?

An diejenigen, die von diesen Mechanismen Gebrauch machen:

Wenn das alles nicht ernst gemeint ist, warum lasst ihr es dann nicht einfach weg? Warum hört ihr nicht auf? Ist es euch so wichtig, anderen Leuten ein Unwohlsein zu bescheren, das weiße, heterosexuelle Cis-Männer niemals selbst erfahren werden? Warum redet IHR eigentlich über UNSERE Probleme und fragt uns nicht einmal, ob ihr das alles so richtig verstanden habt? Ihr redet euch eine heile Welt ein und hofft, dass das wohl so auch für alle nicht-weißen, nicht-männlichen, nicht-heterosexuellen, nicht-cis-Menschen gilt?

Aber warum gibt es dann auch weiße heterosexuelle cis-Männer, die versuchen, sich mit diesen Problemen auseinander zu setzen, die sagen „Das ist scheiße, das müssen wir ändern!“? Die sind sicher von „diesem Feminismus“ (TM) unterwandert, ja, so wird es sein! Anstatt euch mal Gedanken darüber zu machen, dass die, die sich aufregen, vielleicht recht haben könnten, wird von einer Verschwörung gegen euch geredet!

 

(TW: Die wahrscheinlich an den Haaren herbeigezogenste Verschwörungstheorie, die ich bisher gehört habe ist übrigens, dass der Feminismus (TM) eine Geheimwaffe der Islamisten (TM) ist, um die Deutschen Männer (TM) zu schwächen, damit in Deutschland ein Islamistischer Gottesstaat (TM) errichtet werden kann!! Logik ohne Gleichen!)

 

Was ich nur empfehlen kann: FRAGT VERDAMMTNOCHMAL DIE BETROFFENEN! Redet nicht mit Weißen, die sich noch nie kritisch damit auseinandergesetzt haben, über Rassismus! Redet nicht mit heterosexuellen Cis-Männern, die behaupten, es gäbe keinen Sexismus, darüber, wie Frauen* noch immer diskriminiert werden! Es gibt genügend betroffene Leute, die eine Stimme haben und diese benutzen wollen, geht auf Mehrfachdiskriminierungen ein, schaut nach, wo ihr einen Vorteil dadurch bekommt, dass euer gegenüber eine andere Hautfarbe/ein anderes Geschlecht hat und ÄNDERT DAS VERDAMMT NOCHMAL! Und im Voraus: ja, das ist anstrengend, ja das bedeutet Selbstreflexion, ja, das bedeutet unter Umständen auch, dass ihr zweimal darüber nachdenken müsst, was ihr jetzt sagt oder was ihr tut aber hey, dafür erleiden andere vielleicht keinen Schaden, den sie bis an ihr Lebensende mit sich herumtragen. Oder sie fühlen sich sicher bei euch, weil sie keine Kackscheiße zu befürchten haben. Vielleicht geht ihr sogar so weit, sie zu verteidigen, wenn andere Kackscheiße verlauten lassen. Dass ihr einem Menschen damit vielleicht einfach HELFEN könntet, wenn ihr ein wenig mehr nachdenken würdet, darauf kommt ihr gar nicht, denn euch geht es nur darum, dass IHR es gut habt! Aber verdammtnochmal: in dieser Gesellschaft GEHT ES NICHT IMMER NUR UM EUCH! Es geht um Alle und das schließt euch zwar mit ein, nimmt euch aber die Exklusivrechte, indem das Exklusive zum Inklusiven wird und alle was davon haben.

So kompliziert ist das doch gar nicht!

 

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Das Klarnamenproblem

Wer mir auf Twitter folgt, dürfte mittlerweile wissen, dass ich zur Zeit an einem Buch schreibe. Das ist, für die Leute, die mich auch offline kennen, nichts besonderes, weil ich schon immer viel geschrieben habe, aber diesen Roman habe ich wirklich vor, zu veröffentlichen. Zunächst online als Ebook, weil es einfacher ist, mich ein paar Monate mit E-Marketing-Strategien zu beschäftigen, als die nächsten Jahre damit zu verbringen, Unmengen an Druckerschwärze und -Papier an Verlage zu verschwenden, die mir dann entweder gar keine Rückmeldung geben, oder sich nach acht Monaten mal melden, um mir zu sagen: „Äh, sorry, aber nö. Passt nicht ins Programm.“ Das bedeutet für mich allerdings eine Menge Arbeit. Ich werde einen neuen Blog aufsetzen, auf dem ich mich weniger mit politischen Themen als mit Privatkrams, Schreiben und derartigem beschäftigen werde. Was mich vor ein Problem stellt, das Klarnamenproblem.

Ich habe schon meine Gründe, warum ich hier auf diesem Blog nicht meinen richtigen Namen nenne und es kein Impressum mit Telefon und Postanschrift gibt, und jede auch nur halbwegs feministische Frau* (ach was, das „feministisch“ muss gar nicht mal sein, reicht, wenn sie sich als Frau* outet und recht viel im Internet unterwegs ist) dürfte verstehen, warum ich das auch nicht machen werde: Ich habe keine Lust darauf, dass Trolle mir Hassbriefe schicken, es reicht mir schon, gelegentlich den einen oder anderen Kommentar löschen zu müssen. Ich will diese Leute nicht in meinen Raum lassen, nicht näher als erträglich. Und „erträglich“ ist „online, anonym, über das Internet, wo die mich sowieso nicht kennen“. Und wo die mich nur halb so stark angreifen können, wie in meinem privaten Umfeld.

Wenn ich allerdings diesen Roman veröffentliche und auch eine offizielle Website mit Blog mache, brauche ich wahrscheinlich dieses Impressum. Wenn ich mich wirklich dazu entschließe, Schriftstellerin zu sein, habe ich drei Möglichkeiten, wie ich damit umgehe.

 

1. Ich lasse beides unter Pseudonym laufen. Sowohl dieses Blog hier, als auch das neue. Das Buch wird unter diesem Pseudonym veröffentlicht. Stellt sich die Impressumsfrage zwar noch weiterhin, aber notfalls gibt es bestimmt immer noch die Möglichkeit eines Postfachs oder so. Die Vorteile hier von wären, dass ich mich selbst sicherer fühle. Allerdings bin ich nicht so naiv zu glauben, dass jemand mit dem nötigen Know-How nicht dazu in der Lage wäre, meine Identität zu finden, dafür bewege ich mich einfach zu lange im Netz.

 

2. Ich mache beides getrennt. Ich habe hier weiterhin diesen Blog und mache meinen anderen Kram getrennt davon. Was schade wäre, weil ich mir sicher bin, dass einige Leute hier vielleicht auch Interesse an der ganzen Sache haben, aber dann kann ich hier ja nicht drüber bloggen, wann wie und ob mein Buch überhaupt draußen ist, ich bräuchte einen neuen Twitteraccount, mit dem ich mir erst einmal eine Bubble suchen müsste usw. Ich habe mir hier mittlerweile eine Basis aufgebaut, die würde unter Klarnamen weg fallen und müsste neu aufgebaut werden.

 

3. Ich lasse beides unter Klarnamen laufen. Das könnte sehr anstrengend werden und viel Kraft kosten. Allein schon bei dem Gedanken daran, wie viele Leute mich mit irgend einer Scheiße zubomben könnten, lässt mich gruseln. Aber auf der anderen Seite bietet diese Variante auch eine Menge Potential. Ich hätte die Möglichkeit überall auf meine verschiedenen Projekte hin zu weisen, egal ob sie jetzt mit Schreiben, Theater oder Politik zu tun haben, ich könnte alles was ich tue miteinander verknüpfen und auf diese Weise mehr Leute ansprechen, die vielleicht auch unterschiedliche Interessen haben.

 

Habt ihr vielleicht irgendwelche Ideen/Erfahrungen zu diesem Thema?

Gebt euren Senf dazu!