Buchrezension: Neil Shusterman – Vollendet

Liebe Leute, ich lebe noch.

Ich weiß, es ist eine Weile her, seit ich das letzte Mal gebloggt habe und voraussichtlich wird es auch wieder bis zum nächsten Eintrag dauern. Ich verbringe die Tage hauptsächlich damit, die Bibliothek zu plündern und wollte eigentlich schon zu dem einen oder anderen Buch, das ich gelesen habe, eine Rezension schreiben. Jetzt hab ich mir allerdings letzte Nacht mit einem dermaßen krassen Wälzer verbracht, dass ich nicht anders kann, als kurz eine Rezension dazu zu schreiben. Wer mir auf Twitter folgt, hat schon mitbekommen, wie begeistert ich bin. Hier also die Rezension zu Neil Shusterman’s „Vollendet“

Spoiler in Bezug auf das Setting sind vorhanden, allerdings wenige, die den Plot an sich betreffen.

In nicht allzu ferner Zukunft eskaliert der Streit zwischen Abtreibungsgegnern und Abtreibungsbefürwortern und mündet in den sogenannten „Heartland-Kriegen“. Um diesen Krieg zu beenden, wird die Charta des Lebens beschlossen – ein Kompromiss, der das Leben eines Kindes von der Empfängnis bis zum dreizehnten Geburtstag unantastbar macht. Zwischen dem dreizehnten und dem achtzehnten Lebensjahr können die Eltern jedoch beschließen, dass ihr Kind rückwirkend abgetrieben wird. Dieser Vorgang wird „Umwandlung“ genannt und bedeutet, dass alle Teile des Körpers vom Herzen über das Gehirn, bis zum kleinen Zeigefinger wiederverwertet werden müssen.

In diesem Szenario folgen wir drei „Wandlern“, bei denen dieser Eingriff vorgenommen werden soll. Da ist zum einen der 16-jährige Connor, der zu viel Mist gebaut hat, sich zu oft geprügelt und Schule geschwänzt hat, und der nur durch Zufall von seiner geplanten Umwandlung erfährt. Dann ist da Risa, 14 Jahre alt und begabte Klavierspielerin, die einzig und allein das Pech hat, in einem Waisenhaus aufzuwachsen und dessen Budgetkürzungen zum Opfer zu fällt. Und schließlich Lev, 13, der in einer ultrachristlichen Familie aufwächst und zum Zehntopfer auserkoren wurde, nach dem Gebot aus dem alten Testament, Gott immer den zehnten Teil des Besitzes zu opfern.

Mehr zum direkten Plot möchte ich hier gar nicht sagen, denn es ist viel spannender, keine Ahnung zu haben, was auf der Flucht der drei geschieht. Ich muss aber gestehen, dass es sich hierbei um ein wahnsinnig spannendes, erschreckendes und auch furchteinflößendes Gedankenexperiment handelt. Die Hälfte des Buchs hab ich mit Gänsehaut verbracht. Die Figuren diskutieren die Frage, was nach der „Umwandlung“ geschieht, ob es so etwas wie eine „Seele“ gibt und ab wann diese in einem Kind zutage tritt. Von Antworten wie „Nur, wenn ein Kind geliebt wird, hat es eine Seele“ über „Wenn es anfängt am Daumen zu lutschen“ bis hin zu der ehrlichsten Antwort: „Ich weiß es nicht“ sind viele Meinungen vertreten. Trotz dieser Debatten wird eine Welt ohne die Möglichkeit abzutreiben als ausgesprochen trostlos geschildert: immer wieder wird das Thema das „storchens“ abgesprochen: damit ist gemeint, dass Mütter, die ihr Kind nicht versorgen können, vor Haustüren ablegen. Wenn sie dabei nicht erwischt werden, muss die Familie das Kind behalten, ganz im Sinne von „der Storch hat’s gebracht“. Auch hier wird die Problematik angesprochen, dass Babys manchmal über Wochen in der Nachbarschaft herumgereicht werden, bis sie irgendwann sterben, weil sich niemand um sie kümmern möchte. Ebenso überfüllte Waisenhäuser, deren Probleme damit gelöst werden, dass wie in Risas Fall die über 13jährigen umgewandelt werden. Ein weiterer interessanter Punkt ist die Organspende an sich – die Problematik, dass Ärzte kaum noch andere Behandlungsmethoden als die Transplantation eines kranken Organs kennen, spricht Bände. Während des Lesens war für mich nicht klar ersichtlich, auf welche Seite sich Shusterman in dieser Debatte schtellt, aber meiner Interpretation nach ist dieses Buch ein Plädoyer für Abtreibungen.

Den Bechdel-Test besteht das 430 Seiten starke Buch nur knapp. Neben Riza gibt es zwar noch drei oder vier weibliche Figuren, die aber nur als Sidekicks kurz durchs Bild huschen. Spannend hätte ich auch die Frage nach illegalen Abtreibungen gefunden, die es in so einem Szenario definitiv geben muss, aber vielleicht wird darauf noch eingegangen, denn „Vollendet“ ist das erste von bisher vier Büchern (drei davon in Deutschland erschienen).

Als Fazit kann ich nur sagen, dass der Roman gut geschrieben ist, die Figuren überzeugend handeln und das Szenario das erste seit den Hunger Games ist, das mich wirklich und aufrichtig schockiert hat. (Und ich habe eine Menge dystopische Jugendliteratur gelesen.) Sehr empfehlenswert, wenn auch mit Vorsicht zu genießen.

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taz-Brief (ungekürzt)

Dieser Artikel erschien in stark gekürzter Fassung als Leser*Innenbrief in der taz von 29. Januar 2013.

 

 

Die Debatte ist überfällig, schon lange. Eine Debatte darüber, wo die Grenze zwischen Flirt und Übergriff liegt.

Dass Sexismus noch immer ein Problem in unserer Gesellschaft ist, ist nichts neues. Das sollten wir in Zeiten, in denen bei über 90% männlicher Besetzung in Chefetagen noch über Geschlechterquoten mit dem fadenscheinigen Argument nach der Frage, ob es denn genügend qualifizierte Frauen gäbe, diskutiert wird endlich einsehen. Die Tatsache, dass jemand wie Jörg Kachelmann in Talkshows zu Spitzensendezeiten von einer angeblichen „Opfer-Industrie“ reden darf oder dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, zeigt auf, dass der Sexismus in unserer Welt verwurzelt ist und sogar so tief reicht, dass viele ihr Verhalten gar nicht als sexistisch bezeichnen würden. Dieses Verhalten wird seit gestern Nacht zum ersten Mal unter dem Hashtag #Aufschrei bei Twitter in einem größeren Rahmen als vereinzelte Beschwerden zur Sprache gebracht. Es geht um das, was viel zu oft als „Kleinigkeiten“, „Einzelfälle“ oder „Spaß“ abgetan wird – um die systematische und viel zu oft nicht bewusste Diskriminierung von Frauen, um Alltagssexismus. Rainer Brüderle ist nicht der einzige, der sich falsch verhalten hat, er war nur der Auslöser einer viel zu lange aufgeschobenen Welle der Empörung. Es reicht der komische Typ an der Haltestelle, der Kussgeräusche macht, wenn eine Frau vorbei geht. Oder der Leiter des Selbstverteidigungskurs, der erklärt, Frauen wären am sichersten, wenn sie nachts nicht alleine vor die Haustür gingen. Oder jemand, der einen Mann als „Mädchen“ bezeichnet, wenn er sich nicht stereotyp-männlich verhält. Ich könnte ewig so weitermachen. Es geht hier nicht darum, eine Gruppe von Menschen in einen Topf zu werfen, es geht darum, dass dieses Verhalten verletzt und gefährlich ist, dass jede Äußerung dagegen gleich als Angriff auf das gesamte Geschlecht aufgenommen wird um dann wieder die „du bist doch nur humorlos“-Keule herauszuholen, um diejenigen zum Schweigen zu bringen, die wütend sind. Sexuelle Belästigung ist in Deutschland keine Straftat, nur am Arbeitsplatz kann eine Beschwerde eingereicht werden, was aber oft aus Angst vor einer Kündigung nicht getan wird. Auch darüber muss diskutiert werden, weil sexuelle Belästigung den Alltag für viele Frauen zum Spießrutenlauf werden lässt. Es geht nicht darum, dass alle Männer sexistische Arschlöcher sind, es geht hier darum, dass das eigene Verhalten reflektiert werden muss, um diesen Eindruck zu ändern.

Marina Weisband von der Piratenpartei erklärt auf Twitter das mit der Selbstreflexion so:

„Stellt euch einfache Frage: „Würde ich einen Mann in derselben, nicht sexuellen, Situation anders behandeln?“ Wenn ja, ists Alltagssexismus.“